…ist Mensch, was er isst

Carsten Meyl

„Wollt Ihr das Volk bessern, so gebt ihm statt Deklamationen gegen die Sünde bessere Speisen.
Der Mensch ist, was er isst“.
(Ludwig Feuerbach, Bd. 10, kleine Schriften III (1846-50) in „Die Naturwissenschaften und die Revolution“)

„Aus den Lebensmitteln entsteht die Lebensenergie (Jing). Dieses Jing verteilt sich in den vier Meeren des Körpers und ernährt den ganzen Organismus“.
( Lingshu 36)

Unter diesem Aspekt, der Mensch ist in beiden Kulturen, was er isst, seien nebeneinander die Traditionelle Chinesische Medizin mit Auszügen ihres Konzepts der Verdauung als auch die westliche Ernährungsphysiologie zu diesem Thema in ihren Parallelen und Gegensätzlichkeiten betrachtet.

Milz Pi – Jing Wei
In der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Milz das unermüdliche Verdauungsorgan, welches neben den Aufgaben des Speicherns und der Assimilation für den Transport und der Zirkulation von Substanzen im Inneren verantwortlich ist. Die Milz Pi arbeitet auf engste Weise mit dem Magen Wei, dem Dickdarm Da Chang und dem Dünndarm Xiao Chang, zusammen, um Nährenergie Ying aus der Nahrung zu extrahieren, zu assimilieren und zu speichern.
Die Reduktion der Nahrung auf ihre essenziellen Bestandteile ist die subtile Essenz und bedeutet die Transformation der Nahrung in eine so feine und subtile Form, dass sie keinem bestimmten Nahrungsmittel mehr zugehört und als körpereigene Essenz letztlich der eigenen Vitalität zukommt. Jing Wei meint nicht nur feinste Materie, sondern ist gleichfalls eine Metapher für einen subtilen, transformierenden Übergang. Jing Wei ist die chinesische Bezeichnung für das, was in der hiesigen Anschauung unter Verdauung, Assimilation und Metabolismus verstanden wird.

Assimilation
Die westliche Ernährungsphysiologie versteht unter dem Begriff Assimilation all jene Verdauungsvorgänge, die daran beteiligt sind, aus der komplexen Nahrung resorbierbare Bruchstücke zu bilden. Dies geschieht durch Einwirkung der verschiedenen Verdauungssekrete, deren Wirkung durch die unterschiedlichen Bewegungsmuster der digestiven Motorik unterstützt wird. Bei den resorbierbaren Bruchstücken handelt es sich um die gemeinsamen Elementarbausteine aller Organismen. Durch die Aufspaltung der komplexen Nahrung geht die Information über die Zuordnung der Nährstoffe zum ursprünglichen Nahrungsmittel verloren (assimilatio, lat.: Angleichung). Dies kann auch durch den Begriff Denaturierung charakterisiert werden. Essen ist eine Form der Aneignung, bei der das Angeeignete während des Stoffwechsels transformiert wird. Das, was wir wirklich in uns aufgenommen haben, wird zu einer wesensmäßigen Unterscheidung des Selbst.

Der Mensch ist, was er verdaut
Mit dieser bevorzugten Aussage steigt die Ernährungsphysiologie in die Verdauung ein. Die enterale Resorption, alle Vorgänge, die bei der Aufnahme der Nährstoffe aus dem Darmlumen in die Enterozyten und von dort weiter in das Blut der Pfortader oder in die Darmlymphe beteiligt sind, ist ein endogen regulierter Vorgang. Dies bedeutet, der Organismus ist in der Lage zu kontrollieren, was aus dem Darmlumen in das Innere des Organismus aufgenommen wird. Hier ist der Begriff fraktionelle Resorption von wesentlicher Bedeutung. Er besagt, dass von einem Nährstoff immer ein bestimmter Anteil der im Darmlumen vorliegenden Gesamtmenge resorbiert, der Rest hingegen ausgeschieden wird. Die Resorptionsquoten sind in Abhängigkeit vom jeweils betrachteten Nährstoff sehr unterschiedlich. Der Sinn dieser vom Organismus selbst kontrollierten Veränderung der fraktionellen Resorption ist offensichtlich die Anpassung der Resorptionshöhe an die jeweilige Versorgungssituation des Organismus mit dem betreffenden Nährstoff. Ein weiterer hier wesentlicher Begriff ist der der Bioverfügbarkeit. Er befasst sich mit der Frage, welcher Anteil eines mit der Nahrung zugeführten Nährstoffs letztlich dem Organismus und seinem Stoffwechsel zu Gute kommt. Dabei ist nicht ausschlaggebend, was aufgenommen wird, sondern was resorbiert wird. Die Zerlegung in eine resorbierbare Form führt nicht notwendigerweise zur Resorption. Die Resorption eines Stoffes bedeutet wiederum nicht gleichzeitig, dass dieser im Körper Verwendung findet. Wenn der Körper mit einem bestimmten Vitamin gesättigt ist, scheidet er es wieder aus.
Die aus dem Darm resorbierten Nährstoffe werden dem sogenannten Pool hinzugefügt. Dabei handelt es sich um den jeweils stoffwechselaktiven Bestand eines Nährstoffs im Organismus. Der Pool steht in einer Wechselbeziehung zum Intermediärstoffwechsel und zu den Speichern. Der Organismus verfügt für jeden Nährstoff über eine quantitativ sehr unterschiedliche Speicherkapazität.

Wu Wei – der feine Unterschied
In ähnlicher Funktion steht im Chinesischen der Funktionskreis Wei ([xxx] Magen), der die aufgenommene Nahrung umschließt und als Beamter bzw. Verwalter der staatlichen Kornkammern fungiert. Das Zeichen cang bedeutet die Kornkammer. Die Funktionen der Lagerhäuser und Kornspeicher und gleichsam alle Aktivitäten, die mit ihnen verbunden sind, haben ihre Wirkung auf den Menschen. Von ihnen stammen die fünf Geschmäcker ab. Die Geschmäcker sind feinstteilige Elemente und haben deshalb eine Yin-Signatur. Im Gegensatz dazu ist der Geruch, das Aroma Yang. Der wahre Geschmack kommt nicht allein durch das zustande, was man auf der Zunge spürt, sondern auch durch die in den Nahrungsmitteln enthaltene Lebenskraft, den Essenzen. Diese Form der Essenzen ist Jing Wei. Jing steht für Essenzen, Wei für fein. Die in der Nahrung enthaltenen Essenzen werden herausgefiltert und in einen so feinen, subtilen Zustand umgewandelt, dass sie keiner bestimmten Wesenhaftigkeit mehr zugehören.
Der jüngere Begriff Gu Qi ist gegenüber der subtilen Essenz Jing Wei abzugrenzen, da Gu Qi bereits ein Qi ist, das aus der subtilen Essenz hervorgeht. Jing Qi agiert zwischen Milz und Magen auf der Ebene der Assimilationsvorgänge. Gu Qi hingegen arbeitet auf der Ebene des Meeres des Qi im Zentrum der Brust und sorgt für die Zirkulation und Verteilung von Qi in den Meridianen und dem gesamtem Netzwerk von Gefäßen.
Die Essenzen fließen in das Muster der eigenen Lebenskraft und werden zu eigenen Essenzen. Jing Wei stellt diesen Zustand des Überganges dar. Hier handelt es sich um die Funktion des Transformierens von Milz (Funktionskreis Pi) und Magen (Funktionskreis Wei). Der Prozess des Überganges liegt in dem Begriff der fünf Geschmäcker (Wu Wei) verborgen. Sie bezeichnen zum Einen den mit der Zunge wahrnehmbaren Geschmack und gleichzeitig eine Funktion, die über den Vorgang der Denaturierung hinausgeht und andeutet, dass die äußeren Dinge zum eigenen Selbst werden. Mit den fünf Geschmäckern ist nicht nur der Geschmack eines Nahrungsmittels an sich gemeint, sondern auch seine Umwandlung in körpereigene Substanzen und in die eigene Lebenskraft. Jing Wei als feinste Essenz ist gleichzeitig Zustand und Prozess des Wu Wei. Es ist das, was zu dem wird, das einen charakterisiert und gleichzeitig bedeutet es ein „im Dazwischen Stattfinden“, das das Leben ausmacht, aber nicht gespiegelt sein kann, gleichsam der Unmöglichkeit einer Kamera, sich selbst zu filmen.
„Die Assimilation vollzieht sich ganz im Verborgenen. Das Geheimnis ist, dass diesen Vorgang nicht nur Mund, Zähne, Magen oder Magensäfte vorbereiten, sondern, dass es da noch etwas anderes gibt: Es gibt eine Funktion, die einem selbst so nah ist, dass man sie als essenziell bezeichnen muss. Solange Wu Wei (die fünf Geschmäcker) der Natur in der richtigen, der erforderlichen Art und Weise gemacht sind, ist es möglich, dass diese äußeren Dinge zum eigenen Selbst werden. Betrachtet man den Gesamtprozess, so ist zu begreifen, dass die Lebensvorgänge genau dort stattfinden, wo nichts zu sehen ist“ 1.

„Ich bin ist innen, jedes Innere ist an sich dunkel, alles hier ist nur zu fühlen, leise kochend, leicht brausend“,
schreibt Ernst Bloch 2.

Himmel – Erde – Geschmack
Der Magen ist das Meer der fünf Zang und der sechs Fu. Flüssigkeiten und Getreide treten in ihn ein. Die fünf Zang und sechs Fu bekommen ihr Qi vom Magen. Die fünf Geschmäcker gehen zu dem Ort, der ihnen gefällt 3. Aus der Natur, die die Gesetzmäßigkeiten der fünf Wandlungsphasen wiederspiegelt, nehmen wir über die Nahrung und die Atmung die fünf Qi auf. Das Qi der klimatischen Nässe der Wandlungsphase Erde ist essenziell nicht zu unterscheiden vom Qi des süßen Geschmacks, den wir auf der Zunge spüren, und ist in seiner Natur identisch mit dem Qi von Milz und Magen. Diese Funktionskreise stehen in der Mitte zwischen der kosmischen und der individuellen Manifestation der Natur. Sie vermitteln zwischen den Kräften des Makrokosmos, der Umwelt und des Mikrokosmos, des Menschen und seiner Innenwelt. Ihre Aufgabe ist es, dem menschlichen Organismus das Qi der Außenwelt seinem Inneren, den fünf Organen entsprechend ihrer Wesensverwandtschaft zur Verfügung zu stellen und zu ihrem Eigen werden zu lassen. Der Geschmack gelangt also über die Verdauung in den Organismus und wird von dem Funktionsbereich Milz und Magen an das entsprechende Organ vermittelt. Die Chinesische Medizin unterscheidet zwei Aspekte des Geschmacks: Den subjektiven Geschmack im Mund und den funktionalen Geschmack. Letzterer bezieht sich auf die Wirkung, die das Nahrungsmittel auf den Organismus hat. Dies kann, muss sich aber nicht mit der gustatorischen Sensation auf der Zunge decken. Wu Wei sind eine Metapher für die Entfaltung der fünf Grundenergien. Diese Grundenergien oder Geschmäcker bringen alle Entsprechungen und Analogien der fünf Wandlungsphasen hervor, so dass auf der Ebene der Wandlungsphase energetisch nicht zwischen der Manifestation eines Organs, eines Elements, eines Klimas, eines Gefühls oder der Geschmacksrichtung eines Nahrungsmittels unterschieden wird.
Die Erde hat ihren Platz in der Mitte; sie ist der üppige Ackerboden des Himmels. In der Tat, die Erde ist das, was die fünf Wandlungsphasen und die vier Jahreszeiten zusammenführt. Metall, Holz, Wasser, Feuer, sie alle haben ihre eigenen Aufgaben. Jedoch, wenn sie sich nicht auf die Erde als Zentrum beziehen, würden sie alle zusammenstürzen. Demnach ist die Erde die Kontrolleurin der fünf Wandlungsphasen und ihr Qi deren vereinigendes Prinzip. 4
Milz und Magen bewirken die Verteilung des jeweiligen Qi oder Geschmacks zu dem Organ, das diesem entspricht. Hier kann der Appetit oder ein deutliches Verlangen nach einer bestimmten Geschmacksrichtung eine Leere in der entsprechenden Wandlungsphase anzeigen. Das jeweilige Funktionskreissystem verlangt durch den zugehörigen Geschmack gestärkt zu werden. Ebenso kann eine kräftige Abneigung gegen einen Geschmack auf eine Fülle im jeweiligen Funktionskreis hinweisen. Instinktiv vermögen Menschen eine Geschmacksrichtung zu bevorzugen, die sie auch tatsächlich benötigen. Geschmack entspricht im Chinesischen der inneren Bedingung, die Funktionskreise energetisch zu versorgen und im Gleichgewicht zu halten. Der Mensch ist mit relativer Genauigkeit dazu befähigt, Nahrungsmittel mit bestimmter Geschmacksrichtung auszuwählen und ist imstande, seinem energetischen Gleichgewicht mit einer angemessenen Dosierung und Kombination des Geschmacks und seiner Wirkung zu entsprechen:
Sauer suan wirkt im Inneren, sammelt und adstringiert. Es fördert die Anreicherung von Yin und bewahrt Essenz. Seine stark zusammenziehende Wirkung kann einschnüren und zu Stagnationen führen. Das Saure als der Geschmack der Leber fördert das Leber-Yin. Zu viel Saures schädigt und kann die kontrollierte Funktion der Milz beeinträchtigen.
Bitter ku hat mit unterschiedlichem Temperaturverhalten eine abführende oder eine die Verdauung anregende Wirkung. In Maßen bewahrt der bittere Geschmack das Yin. Im Übermaß kommt es zu einer trocknenden Wirkung mit der Tendenz zur Verhärtung. Das Bittere ist die Geschmacksrichtung des Herzens und fördert das Herz-Yin. Im Übermaß führt es über die Austrocknung in eine Herz-Yin-Leere und lässt den Shen unruhig werden. Übermäßiger Genuss hat auf das Fu-Organ des Herzens, den Dünndarm, eine abführende Wirkung.
Süß gan entspannt, harmonisiert und löst Anspannung. Der natürlich süße Geschmack mehrt das Milz-Qi und stärkt den gesamten Organismus. Zu viel Süßigkeiten schädigen die Milz in ihrer Funktion des Säftemetabolismus und führen zu Nässe. Nässe in den Extremitäten durch zu viel Süßes schädigt das Fleisch und macht es kraftlos.
Scharf xin öffnet die Poren und damit die Oberfläche. Scharfe Gewürze wirken schweißtreibend. Ihre öffnende und diaphoretische Wirkung macht sie zu geeigneten Mitteln gegen Oberflächenerkrankungen wie grippale Infekte. Weite Poren führen zu einem Verlust von Qi über den Schweiß. Andererseits belebt die zerstreuende und verteilende Wirkung des Scharfen auch die Energiezirkulation. Der scharfe Geschmack stärkt in moderater Dosierung das Lungen-Qi und die Abwehrkraft. Zu viel Scharfes führt durch Säfteverlust zu Trockenheit und einer Yin-Leere der Lunge. Bei einer Qi-Leere der Lunge oder einer allgemeinen Qi-Leere kann zu viel Scharfes das Qi weiter zerstreuen.
Salzig xian wirkt wasseranziehend. Der salzige Geschmack erweicht Akkumulationen und trägt zur Auflösung von Verhärtungen bei. Mit seiner erweichenden, flüssigkeitsanziehenden Wirkung kann das Salzige auch Stauungen lösen und nach unten ableiten. Somit ist es z.B. bei Miktionsstörungen indiziert. Ein mäßiger salziger Geschmack tonisiert die Nieren. Zu viel Salz schwächt die Nieren-Energie und kann aufgrund seiner Bindung von Körpersäften eine Flüssigkeitsansammlung entwickeln. Durch eine vermehrte Einlagerung von Wasser wirkt sich ein hoher Salzkonsum schwächend auf das Herz aus und macht den Shen träge und schwermütig.
„Der Mensch ernährt sich von den fünf Qi des Himmels und den fünf Qi der Erde. Die fünf Qi des Himmels sind die Gerüche“. 5 Jedes Nahrungsmittel hat auch einen ihm zugehörigen Geruch, das Aroma. Das Geruchsempfinden vollendet unsere Fähigkeit zu schmecken. Das Herz ist das Meisterorgan des feinen, subtilen Qi der fünf Gerüche, weshalb sie über die Nase nicht nur die Lunge, sondern auch das Herz erreichen. Das Herz als Wohnsitz von Shen ist ein Ort subtiler Energien, weshalb der Geschmack, der an der Schwelle der Bildung subtiler Essenz steht, mit ihm in Beziehung gebracht wird.

Sensorische Systeme und Energiehaushalt
In der westlichen Betrachtung der physiologischen Regulation der Nahrungsaufnahme spielt das sensorische System von Geruch (olfaktorisch) und Geschmack (gustatorisch) lediglich die Rolle, die Nahrungsaufnahme herbeizuführen bzw. verdorbene Speisen zu erkennen. Sensorische Systeme dienen der Kopplung des Organismus an funktional relevante Aspekte der physikalischen Umwelt. Unter Geschmack versteht man die Summe sämtlicher Empfindungen, die bei oralpharyngialer Stimulation während der Nahrungsaufnahme entstehen. Geschmack lässt sich auf die vier Grundqualitäten süß, sauer, bitter und salzig reduzieren. Zur Regulation sind gastro-intstinale- bzw. metabolische Signale an der Vermittlung von Hunger oder Sättigung beteiligt. Alle vorliegenden Untersuchungsergebnisse weisen darauf hin, dass diese Signale immer in Zusammenhang mit dem Energiehaushalt des Menschen stehen. Bisher ist kein einziges Signal mit einem Einfluss auf die Regulation der Zufuhr von einzelnen Nährstoffen bekannt. Eine selektive Regulation der Zufuhr von essenziellen Nährstoffen im Sinne der Sicherung der Bedarfsdeckung existiert offensichtlich nicht. In Anbetracht der Bedeutung dieser Nährstoffe für den Organismus scheint dies paradox, allerdings ist die primäre Aufgabe der Ernährung die Deckung des Energiebedarfs. Die modernste Hypothese führte zur Formulierung der ischymetrischen Signale. Hierbei spielt die ATP- Bildungsrate in den Zellen eine entscheidende Rolle. Ist sie ausreichend hoch, um den intrazellulären Stoffwechsel zu gewährleisten, so wird den zentralnervösen Integrationsstellen die Information übermittelt, dass eine akute Nahrungsaufnahme aus energetischen Gründen nicht nötig ist. Über die zentralnervöse Integration der verschiedenen Signale sind zwar viele Einzelheiten bekannt, ein endgültiges Bild lässt sich allerdings bisher nicht ableiten. Man geht davon aus, dass bei ausreichender Deckung durch eine ausgewogene Mischkost mit Lebensmitteln, die eine adäquate Nährstoffdichte aufweisen, auch die Bedarfswerte für die einzelnen Nährstoffe erfüllt werden.

Inneres Wissen
Die Ernährungspsychologie mit ihrer Untersuchung biologischer und psychischer Mechanismen, wie körpereigene Signale das Essverhalten beeinflussen, macht den Schritt in die Vorstellung, der Körper wüsste, was er will, und setzt dem ein psychosomatisches Zusammenspiel von Leib und Seele voraus. Ein solches inneres Wissen impliziert, dass Körpersignale die Defizite melden und eine psychische Motivation entwickelt wird, die nach einem Ausgleich streben lässt. Ein Zustand der Balance ist allerdings nie von Dauer. Seine Permanenz wäre mit dem Lebensende gleichzusetzen. Das innere Wissen des Körpers beinhaltet jedenfalls die Vorstellung, dass ein optimaler Gleichgewichtszustand hergestellt werden kann. Die gelungene Selbstselektion bei der Nahrungsauswahl ist ein Zeichen für dieses innere Wissen des Körpers. Die westliche Ernährungspsychologie verzeichnet Pro- und Kontrapositionen darüber, ob das Prinzip auf das Essen wirklich zutrifft. Fälle von instinktiver Nahrungswahl als Beispiel dynamischer Selbststeuerung gibt es nur vereinzelt, da eine experimentelle Untersuchung der Frage einer Selbstregulation beim Menschen nicht verantwortbar ist. Für eine geglückte Selbstregulation bei der Nahrungsauswahl in natürlicher Umgebung spricht laut ernährungspsychologischer Beobachtung die Tatsache, dass Tiere in freier Wildbahn selten fett sind. Sie setzen nur so viel Energie für die Jagd oder das Fressen ein wie nötig. Außerdem medizinieren Tiere, das heißt, sie fressen Gegenmittel bei krankhaften Störungen und sie fressen nur solche Dinge, die ihnen als bekömmlich bekannt sind. Neuartige Substanzen werden nur in Minimaldosen probiert, wenn die Tiere gesättigt sind. Die Ernährungspsychologie geht davon aus, dass Lebensmittel bei sensibler Wahrnehmung körpereigener Vorgänge und guter Selbstregulationsfunktion als Therapeutikum eingesetzt werden können. Hippokrates vertrat bereits die Ansicht, die Nahrung solle die Medizin und die Medizin die Nahrung sein.
Von der Basis der Traditionellen Chinesischen Medizin ausgehend zeigt die Diätetik in Bezug auf die fünf Wandlungsphasen und einem Verständnis der energetischen Prozesse im menschlichen Organismus das Muster auf, nach dem Nahrungsmittel gleichermaßen heilsam und nährend für Körper, Psyche und Geist verwendet werden können.

Im Grunde führen beide Anschauungen, östlich wie westlich, mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen dahin, dass der Mensch sich in Anbetracht dessen, dass er ist, was er isst, ernähren sollte.
Georg Christoph Lichtenberg, der erste deutsche Professor für Experimentalphysik schreibt:
„Die Speisen haben vermutlich einen sehr großen Einfluss auf den Zustand des Menschen, wie er jetzo ist, der Wein äußert seinen Einfluss mehr sichtbarlich, die Speisen tun es langsamer, aber vielleicht ebenso gewiß, wer weiß, ob wir nicht einer gut gekochten Suppe die Luftpumpe und einer schlechten den Krieg oft zu verdanken haben. Allein wer weiß ob nicht der Himmel damit große Endzwecke erreicht, Regierungen ändert und freie Staaten macht“ 6.

Individuelle Ernährung
Das Leben eines jeden Einzelnen ist einzigartig wie sein Qi – und so individuell ist auch die diesem Qi zu adaptierende Ernährung. Die Empfehlung, „an apple a day keeps the doctor away“ trifft nur dann zu, wenn der Apfel auch vertragen wird.
Das Verdauungssystem ist zeitlich wie auch nahrungsmittelspezifisch unterschiedlich effektiv. Jeder hat einen etwas anderen Verdauungstrakt und eine unterschiedliche Enzymausstattung.
„Wer wilden Katzenbraten, frikassierte Frösche, getrocknete Würmer und andere chinesische Delikatessen lieber will als Fasanen und Haselhühner und Straßburger Gänseleber, Perigordsche Trüffel- und rote Rebhühner-Pastete, der hat freilich Geschmack wie ein Chinese“ 7.
Nietzsche meinte, Philosophieren sei nichts anderes als der „Instinkt für eine persönliche Diät.“
Jeder Mensch ist anders. Und diese Andersheit ist dem Menschen auch aufgegeben so wie der Mensch sich selber als das, was er im Grunde ist, nicht einfach gegeben, sondern aufgegeben ist“ 8.
Wer die Wirkung vieler kleinster Mengen verschiedener Nahrungsmittel für große Prozesse in sich erforscht, kann einen Zugang zu dessen Beeinflussung, zum individuellen Manövrieren durch die Vielfalt und zu einem Erkennen entscheidender Qualität bekommen. Der Körper kann lernen, welcher Geschmack mit welcher physiologischen Wirkung verbunden ist. In den einzelnen Lebensabschnitten verändern sich die Verträglichkeiten und demzufolge manche Vorlieben. Gegenüber einem analytischem Denken in Nährstoffnormen geht es um das Erlernen eines eigenverantwortlichen Umgehens mit dem Körper im Sinne eines Kennenlernens, eines Erforschens und immer neuen Verstehens seiner eigenen Ernährung vor kulturellen, saisonalen und geschmacklichen Gesichtspunkten. Körper reagieren jedenfalls nicht einheitlich auf Nährstoffbilanzen.
Mit einer unbewussten Ernährung lassen wir uns von äußeren pathogenen Faktoren wie der Werbung oder der Lebensmittelindustrie entmachten. Dieser Gefahr lässt sich nur mit einem entsprechenden Optimismus bei Tisch begegnen:
Das diätetische System der Traditionellen Chinesischen Medizin eignet sich hier besonders zu einer Ernährungsbildung aufgrund seiner Möglichkeiten zur individuellen Betrachtungsweise und seinen Grundlagen zur präventiven Gesunderhaltung im Wandel der Jahreszeiten.
Die Hinwendung zum Qualitativen, zur Beobachtung der Wirkung eines Nahrungsmittels im Sinne der fünf Geschmäcker, bietet den Weg zur individuellen Selbstbetrachtung der eigenen Ernährung. Um sich das innere Wissen zur Nahrung erfahrbar zu machen, bedarf es des Zuganges zur Mitte, von dem aus sich ein Wohl- und Unwohlsein deutlicher wahrnehmen lässt und in Folge eines Ernährungsaufbaus den eigenen Empfindungen auch immer besser vertraut werden kann. Mit einem gestärkten Erdelement ist eine ausgeprägte Geschmackswahrnehmung gewährleistet. Das Milz-Qi dringt in den Mund ein. Ist die Milz in Harmonie, lässt sie den Mund die fünf Geschmäcker schmecken9.

Reduktion – In der Stille der Leere leuchtet der volle Mond
Zu einer Ernährungsbeobachtung und möglicherweise folgenden Ernährungsumstellung empfiehlt sich eine bedarfsdeckende Reduktionskost. Hierzu soll Reis als Fadheit, als das Einfache dienen, auf dem sich das Auffällige abzuzeichnen vermag. Auch wenn der Reis dem süßen Geschmack zugeordnet ist, soll er in der folgenden Kost-Kombination als fade gelten und aufgrund seiner Milz- und den Geschmack stärkenden Wirkung die Grundlage bilden. Als Beilage eignet sich eine gekochte Scheibe Rindfleisch (ohne Brühe), etwas kaltgepresstes Öl und etwas Salz. Beides wird über den gekochten Reis gegeben. Es empfiehlt sich, dreimal täglich eine Portion davon als Umgewöhnung zu essen. Das Fleisch kann zu einer fortgeschrittenen Kur dann auch reduziert oder weggelassen werden. Zum Essen empfiehlt es sich, einen Kräutertee zu trinken, der die Funktionskreise Milz und Magen unterstützt, wie z.B. Fenchel, Ginseng oder Rosmarin. Nach drei Tagen wird ein gedämpftes Gemüse hinzugenommen, das weder für eine blähende Wirkung bekannt ist noch sonst im Verdacht steht, Unverträglichkeiten hervorzurufen. Nachtschattengewächse wie Tomaten, Paprika, Aubergine oder auch häufig Allergie- auslösende Nahrungsmittel wie z.B. Knollensellerie, Nüsse oder Erdbeeren wären hier individuell zu beachten. Das Gemüse wird über zwei Tage hinweg ausprobiert. Anschließend kann ein weiteres Gemüse das vorhergehende ersetzen oder hinzugenommen werden und ebenfalls über zwei Tage gegessen werden, wobei nur einen Hut zu tragen erkennbarer sein lässt, welcher einem besser steht. Das Gemüse ist am verträglichsten und entfaltet seinen charakteristischen Geschmack am besten, wenn man es in einem Siebeinsatz im Topf dämpft. Ein Nebeneffekt dieser Kost ist die Entlastung der Verdauung sowie das Ausleiten überschüssiger Feuchtigkeit. Im weiteren Verlauf können alle Gemüse und natürlich auch Früchte und Beeren, Hülsenfrüchte, Fleisch, Fisch, Kräuter, im Grunde alles natürlich Belassene nach eigener Erfahrung in entsprechend gekochter Zubereitung hinzu genommen werden. Je nach Erfahrungswunsch des Appetits. Mit der Reduktion kann dazu immer erneut angesetzt werden. Allerdings wird die Erfahrung von Geschmack und Wirkung alsbald von selbst zu einer reduzierten Kost bzw. einfacher Kombination führen.
Die Geschmäcker werden eben auch im Sinne ihrer Wirkungen unterscheidbar werden.
„Ist das Herz in Harmonie, kann die Zunge die fünf Geschmäcker unterscheiden“.